Ein feuriger Tanz

Chinesische Marken schrecken vor keiner Herausforderung zurück. Längst setzen sie auch bei den Fahrleistungen jene Maßstäbe, die einst nur in Europa oder den UA existierten. Spektakulärer denn je sind ein paar schnelle Runden mit dem über 1.300 PS starken Yangwang U9.

Eines vorweg: es handelt sich nicht um den allzu exzentrischen Yangwang U9X, aktuell mit 4 x 555 Kilowatt oder 3.020 PS das leistungsstärkste Serienfahrzeuge der Welt. Doch auch der zahme Bruder hat es faustdick hinter den Außenspiegeln, denn 960 kW / 1.306 PS rauben selbst erfahrenen Sportwagenpiloten den Atem, wenn es durch die Kurvenkombinationen der BYD-Teststrecke von Zhangzhou geht. Abgesehen vom Design und schier unfassbaren Fahrleistungen (0 auf Tempo 100 in 2,3 Sekunden oder eine Höchstgeschwindigkeit) ist der heißeste Sportwagen aus dem BYD-Universum ein wahres Schnäppchen. Statt der rund 500.000 Euro für einen Lamborghini Revuelto oder den zwei Millionen Euro für einen Lotus Evija ist der Yangwang U9 für gerade einmal 300.000 Euro zu haben. 

Sein Design ist scharf, heiß, verführerisch – eine sehenswerte Monocoque-Karosserie aus Kohlefaser, um Gewicht zu sparen. Dazu bietet der chinesische Hypersportler eine 800-Volt-Architektur für eiligste Ladezeiten und ein klassisches Mittelmotor-Design nebst gewaltigem Heckflügel für maximalen Abtrieb. Die vier Elektromotoren leisten irreale 1.306 PS und wirken trotzdem fast zurückhaltend, wenn der Pilot an die noch leistungsstärkere Xtreme-Version mit 2.978 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 495 km/h denkt; möglich gemacht durch die weltweit erste 1200-V-Ultrahochvolt-Plattform. Yangwang wollte um jeden Preis den Titel des stärksten Elektroautos der Welt erobern. Das ist gelungen – wenn auch mit einer auf nur 30 Einheiten limitierten Kleinserie. 

Im vergangenen Sommer schaffte der deutsche Rennfahrer Marc Basseng auf einer Teststrecke in Papenburg einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord für Elektrofahrzeuge auf: 472,41 km/h. Das ist Flugzeugniveau. Eine derart gigantische Antriebsleistung will artgerecht auf die Straße kommen – möglich gemacht durch eine ausgefeilte Aerodynamik mit einem vierstufigen Heckflügel, der bis zu 200 Kilogramm Abtrieb erzeugt. So wild die technischen Date auch sein mögen – im Innenraum wirkt der 4,97 Meter lange Yangwang U9 wie ein ganz normaler Sportwagen nach McLaren-Vorbild mit Leder, Alcantara, Ambientelicht und einem vertikalen 12,3-Zoll-Touchscreen. Alles wertig – alles sehenswert und die Sportsitze passen bestens.

Nach einigen Runden auf dem 1,4 Kilometer langen Rundkurs fühlt sich die 2,4-Tonnen-U9-Rakete zwar schwer an, bleibt im Grenzbereich aber bemerkenswert agil. Die Lenkung bietet dabei ein exzellentes Ansprechverhalten und vermittelt ein hervorragendes Fahrgefühl. Die Kurveneinfahrt ist schier überragend und die Karosserie bleibt dank des ausgeklügelten aktiven Luftfederungssystems und einer ungemein steifen Karosserie auch unter härtesten Anforderungen stabiler denn je. Dabei hat die Federung einen maximalen einstellbaren Federweg von bis zu 75 mm, während die maximale Hubgeschwindigkeit an einer einzelnen Achse 500 mm/s erreicht. Derweil sorgt das Vier-Motoren-Konzept dafür, dass jedes Rad seine eigene Antriebseinheit bekommt – mehr Drehmoment an einem einzelnen Rad geht kaum. Um den Koloss leichter zu bändigen, kann der Fahrer über sechs Modi vorab aktiv ins Geschehen eingreifen. Überraschend: trotz der gewaltigen Leistung hat der U9 mit seinem 80-kWh-Blade-Batteriepaket im Unterboden einen überraschenden Restkomfort, der verhindert, bockelhart über die Piste zu donnern. Angenehm: die serienmäßigen Karbon-Keramik-Bremsen beißen heftig zu – allerdings lässt sich das Bremspedal nicht einfach dosieren. Die Bremse reagiert aggressiv und abrupt – da braucht es noch Feinarbeit für die Yangwang-Ingenieure. Aber sonst…..Wahnsinn!

Technische Daten Yangwang U9

  • Antrieb: Elektro, vier Motoren, einer pro Rad, PSM – synchron
  • Leistung: 960 kW / 1306 PS/ (326,3 PS x 4 – 240 kW x 4)
  • Maximales Drehmoment: 1680 Nm
  • Akku: 80 kWh
  • Antrieb: Allradantrieb mit Torque Vectoring
  • Leergewicht: 2475 kg
  • Achsen: vorn: 275/30 ZR21 – hinten: 345/30 ZR21
  • Höchstgeschwindigkeit: 392 km/h
  • Beschleunigung: 0–100 km/h: 2,36 s
  • Maximales Ladetempo AC/DC: 11 kW / bis 500 kW
  • Verbrauch: k.A.
  • Reichweite: 450 km (WLTC)
  • Preis: ca. 300.000 Euro 

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