Im VW Amarok durch Marokko

Avatar-Foto

VonDr. Wolfgang Hoerner

11. Juni 2026

Dieser Pick Up kann auch offroad

Oft als Lifestyle-Pickup belächelt, zeigt der VW Amarok, was er kann, wenn es darauf ankommt. Unterwegs im spektakulären Rif-Gebirge von Marokko.

Autofahren in Afrika, abseits befestigter Straßen? Die meisten Menschen lehnen da erst einmal dankend ab, anderen fallen dazu ein paar Namen ein. Land Rover, zum Beispiel, oder das Buschtaxi, also die alten, schier unzerstörbaren Toyota-Land-Cruiser-Generationen. Wohl aber kaum einer käme auf die Idee, dafür einen VW vorzuschlagen. Dass nicht einmal der Amarok, der Allrad-Pickup der Wolfsburger, in Erwägung gezogen wird, hat seinen Grund. Dem schicken, mit starken Pkw-Einflüssen gestalteten Pritschenwagen traut man die Geländegängigkeit irgendwie nicht zu.

Dieses Image kommt nicht von ungefähr. Die erste, von 2010 bis 2020 gebaute Generation des Amarok war ein Multitalent. Ein Traum für Handwerker, ein Traum für Offroad-Reisende und ein Traum für alle, die nur von der großen Freiheit träumten, in Wahrheit aber täglich damit die Kinder zur Schule fuhren. Doch letztlich ist der Pickup-Markt klein in Deutschland, nur etwas mehr als 20.000 Fahrzeuge pro Jahr werden insgesamt umgesetzt. Und weil der alte Amarok auch international kein Top-Seller war, verloren die Wolfsburger etwas die Lust, das Fahrzeug weiterhin ganz allein zu bauen. Als Folge ging man für den 2023 vorgestellten neuen Amarok eine Kooperation mit dem europäischen Platzhirsch Ford ein. VW Amarok und Ford Ranger teilen sich seither eine Plattform. Technische Unterschiede gibt kaum, stilistische schon, um ins jeweilige Markenbild zu passen. 

Doch eigentlich ist der Amarok ungeeignet, um sich ausschließlich in diese Ecke drängen zu lassen. Dafür kann er einfach zu viel – und vor allem nicht weniger als der Ford Ranger. Um sich der Offroad-Qualitäten bewusst zu machen, lohnt es sich, dahin zu fahren, wo es hart wird. Zum Beispiel in das marokkanische Rif-Gebirge. Fahrstrecken auf 2.000 Meter Höhe, tiefe, ungesicherte Abgründe, schmale Trails, enge Serpentinen und abwechslungsreiche Beläge. Mal Schotter, mal sandig, mal steinig und immer wieder durchzogen von tiefen Auswaschungen. Steigungen und Gefällestrecken sind knackig und fordern präzises Manövrieren. Pickup-übergreifend kämpft der Amarok dabei mit dem Problem seines langen Radstands. 3,27 Meter sind Klassendurchschnitt, bei engen und steilen Kurvenfahren aber eher hinderlich. Ebenso die 5,35 Meter Gesamtlänge.

Erst einmal an die Karosseriemaße gewöhnt, wird es deutlich entspannter – nicht zuletzt auch wegen der per Fingertipp stets zuschaltbaren Offroad-Frontkamera, die das Spurenlesen und Überfahren von Kuppen vereinfacht. Entscheidender ist aber der serienmäßige Allrad mit automatischer Steuerung oder manuellem Eingriff sowie die Getriebeuntersetzung und das Sperrdifferential an der Hinterachse. In dieser Situation etwas weniger relevant sind die auswählbaren Fahrmodi, die Kennlinien auf Untergründe wie Matsch oder Schnee anpassen. Den benötigten Schub dazu liefert der 240 PS starke 3,0-Liter-V6-Dieselmotor mit 600 Newtonmetern Drehmoment. Er ist das inzwischen einzige verfügbare Triebwerk. Das Vierzylinderaggregat wurde genauso gestrichen wie die Handschaltung. Der Amarok hat jetzt immer eine Zehngangautomatik. 

Das automatische Schalten entlastet nicht nur das Bein, sondern hilft beim Fokussieren auf den schmalen Pfad, der immer wieder von erschrockenen Ziegen gekreuzt wird. Doch auch mit der besten Konzentration lässt sich die größte Gefahrenquelle des Trails nicht umgehen: Reifenschäden durch das scharfkante Geröll. Um das zu vermeiden – und für bessere Traktion ist der Amarok auf All-Terrain-Reifen unterwegs. Also entweder sich mit 17-Zoll-Felgen begnügen oder den Weg gehen, den VW wählte. Mit Hilfe von Kooperationspartner Seikel wurden Koni-Offroad-Stoßdämpfer montiert, die das Fahrzeug allein um 2,5 Zentimeter anheben. Weil damit Platz in den Radhäusern geschaffen wird, passen jetzt 18-Zoll-Felgen mit AT-Bereifung drauf. Die größeren Reifen heben den Wagen um weitere 2,5 Zentimeter, sodass der Amarok nun insgesamt fünf Zentimeter höher ist. Das empfehlenswerte Offroad-Fahrwerk kostet 1.620 Euro. 

Macht das den Amarok zum echten Geländewagen? Nicht ganz, denn im Innenraum erwartet den Fahrer das, was man mit Lifestyle-Pickup verbindet. Design und Materialien stammen aus dem Pkw-Regal, die gesamte Anmutung hat nichts mit Nutzfahrzeug-Flair zu tun. Elektrische Sitze, großes Infotainmentsystem, schöne Sitzbezüge und Harman-Kardon-Soundsystem. Das Übliche, was man auch in einem modernen SUV vorfinden könnte. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr, denn auf der Ladefläche des Amarok befindet sich ein in Wagenfarbe lackiertes Hardtop. Es passt so stimmig zu dem Wagen, dass kaum ein Nachbar auf die Idee kommen würde, man würde einen geländegängigen Pickup fahren. Wenn die wüssten!

Technische Daten

  • VW Amarok 3.0 TDI 4motion PanAmericana
  • Motor: V6-Turbodiesel
  • Hubraum: 2.993 ccm
  • Leistung: 177 kW (240 PS) bei 3.250 U/min
  • Max. Drehmoment: 600 Nm bei 2.250 U/min
  • Getriebe: 10-Gang-Automatik
  • Antrieb: Automatischer Allrad, abschaltbar
  • Getriebeuntersetzung: serienmäßig
  • Aufbau L x B x H: 5.350 x 1.910 x 1.884 mm
  • Radstand: 3.270 mm
  • Bodenfreiheit: 237 mm
  • Wattiefe: 800 mm
  • Leergewicht: ca. 2.540 kg
  • Zuladung: ca. 1.190 kg
  • Preis: 71.989,05 Euro

Kommentar verfassen