Klassiker: Opel Olympia 1100 SR

Der Opel Olympia ist heute fast vergessen – zu Unrecht: Auch rund 60 Jahre später begeistert der Klassiker noch immer.

Goldjunge

Der Opel Olympia ist ein fast vergessenes Modell in der Geschichte des Rüsselsheimer Autobauers. Völlig zu Unrecht. Der Oldtimer bereitet auch fast 60 Jahre nach seinem Erscheinen noch jede Menge Freude.

Es gibt Opels und dann gibt es Opels! Kadett, Rekord, Monza und Ascona kennen die Älteren unter uns. Viele sind in diesen Autos als Kinder über die Alpen nach Bella Italia gerollt, haben sich jeden Meter auf die erste Kugel echten Gelato gefreut und die Eltern mit der viertelstündlichen Frage genervt: „Sind wir bald da?“ Der Opel Olympia ist eher Kennern bekannt. Dabei spielt das Fahrzeug mit dem charakteristischen Namen eineN wichtigen Platz in der Historie des Rüsselsheimer Autobauers – eine Rolle, wie sie heute kaum noch möglich wäre. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass das Internationale Olympische Komitee vermutlich die Markenrechte geltend machen würde.

Tatsächlich hat der Opel Olympia viel mit dem vierjährlichen sportlichen Treffen der Jugend der Welt zu tun. Denn das erste Modell erschien 1935 anlässlich der Olympischen Spiele 1936 in Garmisch und Berlin. Das neue Modell aus Hessen markierte eine Zeitenwende. Denn der Opel Olympia war das erste in Großserie produzierte deutsche Automobil mit selbsttragender, vollständig aus Stahlblech gebauter Karosserie. Auch 1967, dem Erscheinungsjahr des Opel Olympia 1100 SR, schimmern die Olympischen Spiele 1972 in München am Horizont. Dabei ist der Wagen eigentlich eine Übergangslösung. Denn der Olympia A soll bis zum Erscheinen des Ascona A die Lücke zwischen dem Kadett und dem größeren Rekord füllen.

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Dabei ist dieser Opel alles andere als ein Lückenbüßer. Es gibt Autos, die mit Leistung beeindrucken. Andere mit Luxus. Wieder andere mit ihrer Technik. An diesen Prinzipien hat sich seit 140 Jahren nichts geändert. Und dann gibt es Automobile wie den Opel Olympia 1100 SR. Er vereint alles in sich. Genau deshalb entwickelt er einen Charme, den moderne Autos längst verloren haben und dem wir schon nach wenigen Metern hoffnungslos verfallen. Der Hauptschuldige ist der Motor. Nach heutigen Maßstäben eigentlich nur ein Motörchen mit 44 kW / 60 PS. Eine solche Leistung schüttelt heutzutage fast jeder kleine elektrische Startergenerator locker aus dem Ärmel.

Was die E-Maschinen jedoch nicht können, ist, diese Emotion zu vermitteln, die der Vierzylinder mit seinen 1.078 Kubikzentimetern Hubraum erzeugt. Opel spendiert bereits der Basisversion des Olympia nicht etwa den gewöhnlichen Kadett-Antrieb, sondern den aus dem Rallye-Kadett bekannten 1100-SR-Motor. Zwei Solex-35-PDSI-Fallstromvergaser, eine höhere Verdichtung und eine sportlichere Abstimmung hauchen dem Vierzylinder Temperament ein. Kein Wunder bei lediglich rund 850 Kilogramm Lebendgewicht. Dazu kommt, dass die beiden Solex-Fallstromvergaser so herrlich archaisch-mechanisch klingen, dass man schon aus diesem Grund bei jedem Runterschalten eine Zwischengassalve abfeuert. Das ist kein synthetischer Motorsound aus Lautsprechern, kein Turbopfeifen, keine künstlich verstärkte Akustik. Stattdessen schnorcheln unter der Haube die beiden Vergaser hörbar Luft in den 1,1-Liter-Vierzylinder. Jeder Gasstoß wird von einem wunderbar archaischen Ansauggeräusch begleitet. Es klingt nach Zahnrädern, Gestängen und Mechanik – nach einer Zeit, als ein Motor noch ehrlich arbeiten durfte.

Da kann ein Stromer noch so lange mit 260 km/h die Straße entlangballern – das schafft er nie. Die Höchstgeschwindigkeit von 145 km/h reicht dafür völlig aus.. Wer mehr Kraft will, greift zum 1,7-Liter-Triebwerk mit 55 kW / 75 PS oder gar zum 1,9-Liter-Vierzylinder mit 66 kW / 90 PS. Den gibt es allerdings nur im Coupé. So erreicht der Olympia dann eine Höchstgeschwindigkeit von 168 km/h. Uns reichen auch die 30 km/h weniger. Dass das Lenkrad die Dimensionen einer Familienpizza hat, gerät schnell in Vergessenheit. Der Schalthebel rastet mit einem satten mechanischen Klack ein – präzise, knackig, einfach spaßig. Das Fahrwerk bleibt souverän, auch ohne adaptive Dämpfer und Luftfedern. Eine Ingenieursweisheit lautet: Stahl ist ehrlich. Nach dieser Fahrt wissen wir auch, warum.

Zum Komfort gehört auch der Innenraum. Beim Öffnen der Türen empfängt uns ein Ambiente, das den Sprung vom nüchternen Kadett in die höhere Olympia-Klasse deutlich macht. Anstelle von lackiertem Blech zieht sich eine Dekorleiste in Holzoptik über das Armaturenbrett und setzt sich in den Türverkleidungen fort. Vor dem Dreispeichenlenkrad liegen drei runde Instrumente: Links kombiniert Opel Tank- und Kühlmittelanzeige, mittig sitzt der Tacho, rechts die charakteristische Uhr, die beim SR gegen Aufpreis einem Drehzahlmesser weicht. Darunter ragt der lange, schlanke Schalthebel aus dem Mitteltunnel – heute fast schon eine antike Skulptur. Die klar gezeichneten Chromtürgriffe, die schlichten Kippschalter und die weitgehend ungepolsterte, schnörkellose Gestaltung vermitteln genau den sachlichen Stil der späten Sechzigerjahre. Dazu passen auch die bequemen, loungeartigen Sitze mit schwarzem Stoff und Kunstlederwangen. Übrigens hat man auch im Fond der viertürigen Fließhecklimousine trotz kompakter 4,18 Meter Außenlänge ziemlich viel Platz. Familientauglich für die Alpenüberquerung. Jetzt verstehen wir, warum der letzte Opel mit dem traditionsreichen Namen Olympia heute unter Kennern Kultstatus genießt.

Billig war das automobile Vergnügen allerdings nicht. Der zweitürige Olympia 1100 SR kostete bei seiner Einführung 1967 6.835 D-Mark, der Viertürer 7.155 D-Mark. Rund 700 Mark Aufpreis gegenüber einem vergleichbaren Kadett waren damals viel Geld – entsprachen aber auch dem deutlich höheren Ausstattungsniveau. Das dürfte auch ein Grund sein, warum sich nur 80.697 Autofahrer für den Opel Olympia entschieden. Wir können das nicht nachvollziehen. Für uns bleibt der Olympia ein Goldjunge. Als wir uns aus dem Sitz schälen, ist uns das Grinsen wie festgetackert.

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