Reportage: Concours of Elegance in Hampton Court Palace

Historische Rennwagen aus drei Kontinenten trafen sich im Garten von Hampton Court Palace. Ein Überblick über Sieger, Technik und Hintergründe.

Wenn ein Königsgarten zur Rennstrecke der Erinnerung wird

Im Fountain Garden von Hampton Court Palace im Südwesten Londons versammelten sich drei Tage lang historische Fahrzeuge aus aller Welt, darunter mehrere Rennwagen mit jahrzehntealter Motorsportgeschichte. Der Concours of Elegance, der seit 2017 jährlich im rund 24 Hektar großen Park des früheren Königsschlosses stattfindet, zeigte dabei sowohl Klassiker aus den 1920er-Jahren als auch kommende Sammlerfahrzeuge der 1980er- und 1990er-Jahre. Wer technikinteressiert ist, findet in den ausgestellten Fahrzeugen einiges, das über reine Nostalgie hinausgeht.

Wer bei Automobil-Concours zunächst an reine Schönheitswettbewerbe denkt, liegt bei diesem Anlass nur bedingt richtig. Zwar steht die Ästhetik im Mittelpunkt, doch die Technik unter den historischen Karosserien erzählt eigene Geschichten – von Kompressormotoren über Le-Mans-Renneinsätze bis hin zu seriennahen Sportwagen, die heute als kommende Klassiker gehandelt werden.

Anders als die großen, publikumsstarken Anlässe im Süden Englands, etwa auf dem Gelände des 11. Duke of Richmond rund um Goodwood, versteht sich der Concours of Elegance als deutlich kleinerer, exklusiverer Rahmen. Neil Gaisford, Geschäftsführer der Veranstaltung, beschrieb den Anlass als „außergewöhnliches Wochenende mit einer beeindruckenden Sammlung von Fahrzeugen aus aller Welt“. Besonders sei dabei „das Zusammentreffen dieser bemerkenswerten Fahrzeuge mit ihren Eigentümern, die sie großzügig zur Schau stellen, sowie mit den Automobilclubs und den Tausenden Enthusiasten, die für eine wunderbare Atmosphäre sorgen“. Nach Angaben der Veranstalter kamen die Besucher, feierten, staunten und genossen bei gutem Wetter auch Picknicks im Schlosspark, eine für britische Klassikanlässe typische, eher zurückhaltende Form der Präsentation.

Mercedes 710 SSK: Sieger mit südamerikanischer Rennhistorie

Den Titel Best of Show erhielt ein Mercedes 710 SSK aus dem Jahr 1928. Unter der langen Motorhaube arbeitet ein 7,1 Liter großer Reihensechszylinder vom Typ M06, der dank eines mechanisch zuschaltbaren Roots-Kompressors bis zu 250 PS leistet, eine für die späten 1920er-Jahre außergewöhnliche Leistungsausbeute. Das Fahrzeug mit der Fahrgestellnummer 36246 wurde einst nach Argentinien ausgeliefert, wo es von Julio Berndt und seinem Schwager Carlos Zatuszek im Renneinsatz bewegt wurde. Die beiden starteten 1929 bei den „500 Meilen von Argentinien“; anschließend trat Zatuszek mit dem Wagen beim Großen Preis von Córdoba sowie beim argentinischen Herbstpreis an. Bis Ende der 1950er-Jahre blieb der Mercedes in Südamerika im Renneinsatz, bevor er restauriert und für Concours-Auftritte wie den in Hampton Court vorbereitet wurde. Dass ein knapp hundertjähriger Rennwagen mit derart dokumentierter Sportgeschichte den Hauptpreis holt, überrascht angesichts seiner technischen wie historischen Substanz kaum.

Humber TT und Bentley 3-Litre: Zwei Le-Mans-Geschichten mit Drama

Kaum weniger bemerkenswert waren der 1914er Humber TT und ein Bentley 3-Litre Le Mans Team Car aus dem Jahr 1927. Der Humber TT ist eines von drei Rennfahrzeugen, die der Hersteller Humber heimlich für die Isle of Man Tourist Trophy 1914 entwickelte. Konstrukteur F.T. Burgess stattete den Wagen mit einem für seine Zeit fortschrittlichen Motor mit zwei obenliegenden Nockenwellen und vier Ventilen pro Zylinder aus. Er gilt heute als einziges erhaltenes Exemplar der ursprünglich drei Humber-TT-Wagen und befindet sich in einem bemerkenswert originalen Zustand.

Der Bentley 3-Litre mit der Chassisnummer ML1501 und dem historischen Kennzeichen YF 2503 wurde eigens für das 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1927 vorbereitet und von George Duller sowie Baron André d’Erlanger gefahren. Das Rennen endete für mehrere führende Fahrzeuge mit dem berüchtigten White-House-Unfall, einer Massenkarambolage am Streckenabschnitt White House. Ein weiterer Werks-Bentley, gefahren von Sammy Davis und Dudley Benjafield, überstand den Vorfall und errang den Sieg, was den Grundstein für Bentleys Erfolgsserie in Le Mans bis 1930 legte. Beide Fahrzeuge zeigen, wie eng Motorsportgeschichte und Fahrzeugtechnik bei diesen frühen Rennwagen miteinander verknüpft sind.

Weitere Klassensieger: Solide Konkurrenz von Alfa Romeo bis Aston Martin

Als Klassensieger wurden in Hampton Court außerdem ein Alfa Romeo 8C 2900 B, ein seltener Siata 208 CS aus dem Jahr 1953 sowie ein Aston Martin DB4 GT Zagato ausgezeichnet. Alle drei Fahrzeuge gelten in ihren jeweiligen Segmenten als technisch fortschrittlich für ihre Entstehungszeit, auch wenn detailliertere Angaben zu Motorisierung oder Stückzahlen der einzelnen Exemplare beim Anlass nicht mitgeteilt wurden. Die Bandbreite der Klassensieger unterstreicht, wie unterschiedlich sich europäischer Sportwagenbau zwischen den 1920er- und 1950er-Jahren entwickelte: Während der Alfa Romeo und der Bentley klar auf Langstrecken-Renneinsätze ausgelegt waren, steht der Siata 208 CS für den kleineren, agileren Sportwagenbau der Nachkriegszeit, und der Aston Martin DB4 GT Zagato markiert den Übergang zu leichtgewichtigen, aerodynamisch optimierten Coupé-Karosserien der frühen 1960er-Jahre.

Für technisch interessierte Besucher lohnte sich neben den ausgezeichneten Fahrzeugen auch der Blick auf die weniger prominent platzierten Exponate im Fountain Garden, auch wenn Details zu diesen Fahrzeugen im Rahmen der Berichterstattung nicht näher spezifiziert wurden. Die Konzentration auf wenige, klar dokumentierte Sieger- und Klassenfahrzeuge erleichtert es Besuchern jedoch, sich auf die jeweilige Technik- und Renngeschichte zu konzentrieren, statt sich in einer unüberschaubaren Fahrzeugmenge zu verlieren.

„Thirty under 30″: Kommende Klassiker im Rampenlicht

Neben den historischen Rennwagen rückte die Sonderausstellung „Thirty under 30″ jüngere Fahrzeuge aus den 1980er- und 1990er-Jahren in den Fokus, die zunehmend als kommende Sammlerstücke gehandelt werden. Gezeigt wurden unter anderem ein Lamborghini Countach LP 400 S aus dem Jahr 1980, ein Monteverdi 375L High Speed, ein Aston Martin One-77 sowie das Hypercar-Duo aus Bugatti Veyron (Baujahr 2010) und McLaren P1 (Baujahr 2013). Auch deutsche Fahrzeuge waren Teil der Sonderschau: ein Alpina C1 2.3 aus dem Jahr 1985, ein BMW 316 von 1981 sowie ein Mercedes 500 SEC der Baureihe C126. Die Auswahl zeigt, dass sich das Interesse von Sammlern und Ausstellern nicht auf Vorkriegs- oder unmittelbare Nachkriegsmodelle beschränkt, sondern zunehmend auch jüngere Baujahre umfasst.

Der Wert der Geschichte

Anders als bei aktuellen Serienfahrzeugen lässt sich der Wert der in Hampton Court gezeigten Exponate nicht über einen Listenpreis abbilden. Er ergibt sich aus Faktoren wie Renngeschichte, Erhaltungszustand und Seltenheit, wie sich am Beispiel des siegreichen Mercedes 710 SSK mit seiner dokumentierten Südamerika-Historie oder am einzig erhaltenen Humber TT zeigt. Konkrete Versicherungs- oder Marktwerte der einzelnen Fahrzeuge wurden im Rahmen der Veranstaltung nicht kommuniziert. Für Sammler und Interessenten dürfte dennoch gelten, dass gut dokumentierte Renngeschichte und nachweisbare Originalität die Werthaltigkeit solcher Fahrzeuge deutlich stärker beeinflussen als reine Motorleistung.

Auch die jüngeren Fahrzeuge aus der Sonderausstellung „Thirty under 30″ fügen sich in dieses Bild: Modelle wie der Bugatti Veyron oder der McLaren P1 gelten schon heute als gesetzt am Sammlermarkt, während Fahrzeuge wie der BMW 316 oder der Alpina C1 2.3 erst allmählich als kommende Klassiker wahrgenommen werden. Wer sich für solche Fahrzeuge interessiert, sollte weniger auf aktuelle Fahrleistungen als auf Erhaltungszustand, Historie und die Verfügbarkeit von Originalteilen achten, ähnlich wie es bei den älteren Rennwagen in Hampton Court der Fall ist.

Die wichtigsten Fahrzeuge und Daten: Concours of Elegance in Hampton Court

  • Austragungsort: Fountain Garden, Hampton Court Palace, London, rund 24 Hektar Parkfläche
  • Austragungsrhythmus: jährlich seit 2017, jeweils im Spätsommer, Dauer drei Tage
  • Best of Show: Mercedes 710 SSK, Baujahr 1928, 7,1-Liter-Reihensechszylinder Typ M06, mechanischer Roots-Kompressor, bis zu 250 PS, Fahrgestellnummer 36246
  • Humber TT, Baujahr 1914: zwei obenliegende Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, letztes erhaltenes Exemplar von drei Fahrzeugen
  • Bentley 3-Litre Le Mans Team Car, Baujahr 1927: Chassisnummer ML1501, Kennzeichen YF 2503, Sieger-Baureihe bis 1930
  • Weitere Klassensieger: Alfa Romeo 8C 2900 B, Siata 208 CS (1953), Aston Martin DB4 GT Zagato
  • Sonderausstellung „Thirty under 30″: Lamborghini Countach LP 400 S (1980), Monteverdi 375L High Speed, Aston Martin One-77, Bugatti Veyron (2010), McLaren P1 (2013), Alpina C1 2.3 (1985), BMW 316 (1981), Mercedes 500 SEC C126
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