Drei Konzerne, drei sehr unterschiedliche Antworten
Deutsche Automobilhersteller sind in Nordamerika seit Jahrzehnten präsent, allerdings mit sehr unterschiedlichem Engagement. Während BMW und Mercedes ihre größten Werke ausgerechnet in den USA betreiben, hält sich der Volkswagen-Konzern mit seinen Premiummarken Audi und Porsche bei einer eigenen US-Fertigung bislang deutlich zurück.
Wer bei deutschen Autowerken zunächst an Bayern oder Baden-Württemberg denkt, liegt damit nur bedingt richtig. Das größte BMW-Werk weltweit steht nicht in München oder Dingolfing, sondern in Spartanburg, South Carolina. Ein Blick auf die einzelnen Standorte zeigt, wie unterschiedlich die drei großen deutschen Konzerne mit dem amerikanischen Markt und den steigenden Importzöllen umgehen.
Audi: Warum am Ende Mexiko das Rennen machte
Als Audi vor rund zehn Jahren eine Fertigungsstätte für den nordamerikanischen Markt suchte, entschied sich der Konzern wegen großer Steuervergünstigungen, guter Anbindung und verfügbarer Arbeitskräfte für Mexiko statt für die USA. Nach knapp vierjähriger Bauzeit nahm das Werk in San José Chiapa, 2.400 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, die Fertigung mit der damals neuen Generation des Audi Q5 auf.

Mittlerweile laufen dort Modelle auf der Verbrenner-Plattform PPC vom Band. Zwar gab es seither immer wieder Überlegungen zu einem eigenen US-Werk, um besser auf den amerikanischen Markt reagieren und mögliche Zollprobleme abmildern zu können. Auf Druck der Gewerkschaften wurde jedoch wiederholt in deutsche Werke investiert, während der US-Markt größtenteils aus Deutschland und Mexiko heraus bedient wurde.
BMW: Der Standort, der zum grössten Exporteur wurde
Ganz anders positioniert sich BMW. Bereits vor rund vier Jahrzehnten entschied sich der Konzern für eine eigene Fertigung in den USA, um den dortigen Markt gezielt mit lokal gebauten Fahrzeugen zu versorgen. Aus dem Werk bei Spartanburg wurde im Laufe der Jahre nicht nur der größte Standort im weltweiten BMW-Produktionsnetzwerk, sondern auch der größte Automobil-Exporteur Nordamerikas. Nach Angaben des US-Handelsministeriums exportierte BMW allein im vergangenen Jahr rund 225.000 Fahrzeuge im Wert von mehr als zehn Milliarden US-Dollar, mehr als jeder andere Hersteller. „Das Werk in Spartanburg ist seit über 30 Jahren ein wichtiger und heute der größte Standort in unserem Produktionsnetzwerk“, erklärt BMW-CEO Milan Nedeljković. „Der starke Exportanteil unseres Werks unterstreicht, welche Bedeutung Freihandel für die USA hat. Davon profitiert nicht nur unser Werk, sondern auch das starke Lieferantennetzwerk in der Region.“
In Spartanburg, wo vor allem mittlere und große SUV entstehen, wurde die Fertigung inzwischen um eine Batterieproduktion im nahegelegenen Woodruff erweitert. Seit 2014 summieren sich die Exporte auf mehr als 2,7 Millionen Fahrzeuge im Gesamtwert von über 100 Milliarden US-Dollar, womit BMW nach eigenen Angaben deutlich vor heimischen Herstellern wie General Motors, Tesla oder Ford liegt. Bemerkenswert dabei: 70 Prozent der dort verarbeiteten Stahl- und Aluminiummengen stammen bereits aus den USA und sind von möglichen Strafzöllen entsprechend nicht betroffen. Ergänzend betreibt BMW seit einigen Jahren ein weiteres Werk im mexikanischen San Luis Potosí, wo unter anderem der 3er und das 2er Coupé gefertigt werden; ab 2027 sollen dort zusätzlich die Elektromodelle i3 und iX3 hinzukommen.
Mercedes: Von 65.000 auf über 260.000 Fahrzeuge
Auch Mercedes ist seit Mitte der 1990er-Jahre intensiv in den USA aktiv und fertigt in Tuscaloosa, Alabama, seine großen SUV-Baureihen, inzwischen auch die entsprechenden Elektromodelle. Ergänzend eröffnete der Konzern im nahegelegenen Bibb County eine neue Batteriefertigung, die vor allem den EQS SUV und weitere kommende Modelle versorgen soll. Damit entstanden 600 zusätzliche Arbeitsplätze neben den bereits bestehenden 4.500 im benachbarten Tuscaloosa.
Die Entwicklung der Kapazitäten zeigt das Wachstum des Standorts deutlich: Startete das frühere ML-Werk vor 25 Jahren mit einer Kapazität von 65.000 Fahrzeugen, werden inzwischen jährlich mehr als 260.000 Fahrzeuge der Baureihen GLE / GLE Coupé, EQS / EQE SUV sowie GLS / GLS Maybach produziert. Zwei Drittel der dort gefertigten SUV gehen in den Export.
Chattanooga: Vom Zögern zur Erfolgsgeschichte
Rund vier Autostunden westlich von Spartanburg hat Volkswagen als dritter großer deutscher Konzern neben Mercedes und BMW seine Fertigung angesiedelt. Anfangs wurde der Standort Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee von einigen Verantwortlichen in Wolfsburg eher skeptisch betrachtet. Seit dem Produktionsstart 2011 und dem Erfolg des SUV-Modells Atlas stieg das Ansehen des Werks jedoch deutlich.
Wie das Werk überhaupt zustande kam, ist bezeichnend für die Standortwahl in der Automobilindustrie: Nachdem sich Mercedes und Toyota bereits für andere Standorte entschieden hatten, drohte auch Volkswagen im Jahr 2008 an Chattanooga vorbeizuziehen. Als eine Wolfsburger Delegation unter der Leitung des damaligen VW-Vorstands Dr. Jochem Heizmann das Gelände eines ehemaligen Munitionslagers besichtigte, erschien es mit ein paar grünen Hügeln, zwei Bahnlinien und zwei Autobahnkreuzen wenig überzeugend. Der damalige Gouverneur von Tennessee, Phil Bredesen, wollte angesichts von 2.000 möglichen Arbeitsplätzen und einem Investitionsvolumen von einer Milliarde US-Dollar keine weitere Absage riskieren. Noch am Tag nach dem Ortstermin ließ die Stadt, ohne bestehenden Auftrag, eine Fläche von über fünf Millionen Quadratmetern roden und einebnen. Innerhalb von zwei Monaten war das Gelände für die nächste Besichtigung vorbereitet, begleitet von regelmäßigen Statusberichten und Luftaufnahmen an den Konzern in Wolfsburg. Am Ende entschied sich Volkswagen tatsächlich für Chattanooga.
Trotz dieser Vorgeschichte bleibt insbesondere die Elektromobilität am Standort eine Herausforderung: Abseits von Atlas und Atlas Cross Sport läuft dort aktuell wenig, und die neue Generation des ID.4-Nachfolgers soll nicht in Chattanooga gefertigt werden. Ein Grund dafür ist der bislang schwache US-Elektromarkt, hinzu kommt, dass Volkswagen anders als Ford, Chevrolet, Ram oder Toyota keine großen Pick-ups oder SUV im Programm hat, die dort besonders gefragt sind. Eine 2019 umgesetzte Erweiterung der Fertigungsfläche um mehr als 52.000 Quadratmeter blieb dadurch weitgehend ungenutzt.
Audi und Porsche: Zurückhaltung mit Ansage
Warum sich weder Audi noch Porsche jemals auf demselben, nie vollständig ausgelasteten Gelände in Chattanooga ansiedelten, bleibt eine der offeneren Fragen der jüngeren Konzerngeschichte. Da der Absatz der dort gefertigten Modelle hinter den Erwartungen zurückblieb und viele erfolgreiche US-Modelle stattdessen aus Werken in Süd- und Mittelamerika importiert wurden, blieb die Fertigung insgesamt kleiner als ursprünglich geplant, und auch zahlreiche Zulieferer siedelten sich nicht in der Region an. Sowohl Audi als auch Porsche haderten in der Folge mit dem Standort. Aus Stuttgart-Zuffenhausen kam wiederholt das Argument, die Stückzahlen seien für eine eigene US-Fertigung schlicht zu gering. Der ursprünglich geplante vollständige Umstieg auf Elektromodelle, abgesehen vom Porsche 911, scheiterte zusätzlich und beendete damit auch mögliche Überlegungen zu einer gemeinsamen Fertigung mit Audi in den USA.
Selbst mit der neuen, eigens für den US-Markt geschaffenen Marke Scout entschied sich Volkswagen überraschend gegen eine Erweiterung in Chattanooga. Der Firmensitz liegt stattdessen in Tysons, Virginia, während die Modelle Terra und Traveler nach Verzögerungen voraussichtlich nicht vor 2028 im Werk Columbia, South Carolina, produziert werden. Für die Entwicklung der beiden Erstmodelle sowie die lokale Fertigung sind rund zwei Milliarden US-Dollar Investition und mehr als 4.000 neue Arbeitsplätze vorgesehen; bei voller Auslastung sollen dort mehr als 200.000 Fahrzeuge pro Jahr entstehen können. South Carolina zählt bereits heute mehr als 500 Unternehmen der Automobilbranche und rund 75.000 Beschäftigte in diesem Bereich.
Der Preis des Fernbleibens
Während BMW einen erheblichen Teil seiner Stahl- und Aluminiumversorgung bereits innerhalb der USA organisiert hat und dadurch von Importzöllen auf diese Rohstoffe weitgehend verschont bleibt, produzieren Audi und Porsche ihre für den US-Markt bestimmten Fahrzeuge weiterhin überwiegend außerhalb der Vereinigten Staaten. Angesichts anhaltender Importzölle auf Fahrzeuge und Komponenten dürfte sich dieser Unterschied finanziell zunehmend bemerkbar machen. Wie stark sich das langfristig auf die Modellpreise der beiden Premiummarken in den USA auswirkt, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend beziffern.
Die wichtigsten Zahlen: Deutsche Autowerke in den USA
- BMW Spartanburg: größtes BMW-Werk weltweit, seit über 30 Jahren in Betrieb
- BMW-Exporte 2024: rund 225.000 Fahrzeuge, Wert über 10 Mrd. US-Dollar
- BMW-Exporte seit 2014: mehr als 2,7 Mio. Fahrzeuge, über 100 Mrd. US-Dollar Gesamtwert
- Anteil US-Stahl/-Aluminium bei BMW Spartanburg: rund 70 Prozent
- Mercedes Tuscaloosa: heute über 260.000 Fahrzeuge/Jahr (Start vor 25 Jahren: 65.000)
- Mercedes Tuscaloosa: 4.500 bestehende + 600 neue Arbeitsplätze durch Batteriewerk Bibb County
- VW Chattanooga: Produktionsstart 2011, Erweiterung 2019 um über 52.000 m²
- Audi San José Chiapa (Mexiko): Produktionsstart vor 10 Jahren, Lage 2.400 m ü. M.
- VW-Marke Scout (Columbia, South Carolina): rund 2 Mrd. US-Dollar Investition, über 4.000 neue Arbeitsplätze, Produktionsstart nicht vor 2028, Kapazität über 200.000 Fahrzeuge/Jahr bei Vollauslastung

















