Ein Kleinwagen mit großem Anspruch
Volkswagen bringt mit dem ID. Polo die elektrische Variante seines Kleinwagen-Bestsellers auf den Markt, während der klassische Polo mit Verbrennungsmotor parallel im Programm bleibt. Der VW ID. Polo verspricht dabei genau jene Qualität, die man traditionell mit der Marke verbindet. Allerdings zu einem Preis, der in dieser Fahrzeugklasse zunächst überrascht.
Wer beim Begriff Kleinwagen automatisch an ein günstiges Einstiegsmodell denkt, sollte beim ID. Polo genauer hinschauen. Zwischen der Basisversion und der alltagstauglichen Ausstattung liegt preislich mehr, als man auf den ersten Blick erwarten würde. Eine erste ausführliche Testfahrt zeigt, ob sich dieser Aufpreis am Ende tatsächlich rechtfertigen lässt.
Heftiger Wettbewerb: Ein wichtiges Modell zur richtigen Zeit
Für Volkswagen ist der ID. Polo derzeit auch aus Unternehmenssicht von Bedeutung. Nach Meldungen über Werksschließungen und Stellenabbau soll das neue Modell für positive Nachrichten sorgen. Hinzu kommt, dass anhaltend hohe Kraftstoffkosten in vielen Ländern dazu beitragen dürften, dass sich ein Teil der potenziellen Kundschaft ohnehin in Richtung Elektroantrieb orientiert, unabhängig davon, wie das jeweilige Modell im Detail bewertet wird.

Dass der Verbrenner-Polo weiterhin ohne ID-Zusatz erhältlich bleibt, gibt unentschlossenen Käuferinnen und Käufern zumindest eine Alternative innerhalb derselben Modellfamilie, ohne dass Volkswagen die Entscheidung für oder gegen den Elektroantrieb erzwingen müsste.
Mehr als eine Batterie: Zwei Pakete, ein klarer Favorit
Die Einstiegsversion Trend kommt mit sparsamer Ausstattung und einem kleinen 37-kWh-Akku auf Lithium-Eisenphosphat-Basis und ist bereits ab 24.995 Euro erhältlich. Bei 4,05 Metern Länge bietet sie eine WLTP-Reichweite von 334 Kilometern, verbunden mit einem vergleichsweise trägen Ladetempo von 88 kW. Bei niedrigen Außentemperaturen dürften realistisch nur 200 bis 250 Kilometer bis zum nächsten Ladestopp erreichbar sein. Diese Werte relativieren das vermeintliche Preis-Leistungs-Argument der Einstiegsversion deutlich, denn 24.995 Euro für ein Fahrzeug mit derart eingeschränkter Alltagstauglichkeit außerhalb der Stadt wirken auf den zweiten Blick weniger attraktiv als auf den ersten.

Wer den ID. Polo nicht ausschließlich innerstädtisch bewegt, sondern auch längere Strecken zu Familie, Freunden oder in den Urlaub einplant, sollte die kleine Batterie von vornherein ausschließen. Das größere 52-kWh-Paket ermöglicht unter normalen Bedingungen 410 bis 450 Kilometer Reichweite und bewältigt auch kühlere Jahreszeiten deutlich entspannter. Geladen wird mit maximal 105 kW, kein Spitzenwert, aber im Alltag ausreichend. Für ein Mindestmaß an Komfort führt an der Ausstattungslinie Life kaum ein Weg vorbei, wodurch der Einstiegspreis auf mindestens 33.795 Euro steigt. Zur Einordnung: Es handelt sich weiterhin um ein Fahrzeug der Kleinwagenklasse, auch mit aktuell verfügbarer Kaufprämie bleibt der ID. Polo in diesem Segment vergleichsweise teuer.
Antrieb: Golf-GTI-Niveau im Kleinwagenformat
Das getestete Topmodell mit 52-kWh-Batterie und Nickel-Mangan-Kobalt-Zellen im Unterboden leistet 155 kW beziehungsweise 211 PS, deutlich mehr als die übrigen Motorisierungen mit 85 kW/116 PS oder 99 kW/135 PS. Dieses Leistungsniveau entsprach vor einigen Jahren einem Golf GTI. Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 160 km/h dagegen bewusst begrenzt und wirkt angesichts der übrigen Fahrleistungen vergleichsweise verhalten. Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt dank 290 Nm maximalem Drehmoment in 7,1 Sekunden.
Trotz eines spürbaren Leergewichts von 1.576 Kilogramm wirkt der Fronttriebler im Testeindruck ausgesprochen agil, ohne dabei explizit sportliche Ambitionen zu verfolgen. Für den Alltag ist diese Auslegung durchaus sinnvoll: Wer im Stadtverkehr zügig beschleunigen oder auf der Landstraße souverän überholen möchte, findet im Topmodell ausreichend Leistungsreserven, ohne dass der ID. Polo dabei unruhig oder nervös wirkt. Selbst bei zügiger Fahrweise bleibt der Antrieb dabei angenehm unaufgeregt und lässt sich gut dosieren.

Die Lenkung arbeitet direkt, präzise und gut abgestimmt. Anders als beim ausschließlich heckangetriebenen ID.3 lassen sich bei zügiger Beschleunigung oder engeren Kurven leichte Antriebseinflüsse am Lenkrad spüren, was im Testeindruck jedoch kaum störte. Bremsen vor der Kurve, Einlenken, wieder beschleunigen: Dieses Zusammenspiel gelingt im Testwagen ausgewogener als bei vielen anderen Elektrofahrzeugen dieser Klasse. Für ein Fahrzeug dieser Preis- und Fahrzeugklasse ist das keine Selbstverständlichkeit und dürfte für Käuferinnen und Käufer, die Wert auf Fahrdynamik legen, ein wichtiges Argument sein, auch wenn sich dieser Vorteil nicht in jeder Fahrsituation gleichermaßen bemerkbar macht. Ein geringes Geräuschniveau und ein gutes Platzangebot bieten allerdings auch günstigere Wettbewerber, sodass sich der ID. Polo in diesen beiden Punkten nicht grundsätzlich von der Konkurrenz absetzt.
Innenraum: Solide Qualität mit kleinen Kompromissen
Vorne bietet der ID. Polo ausreichend Platz für zwei groß gewachsene Insassen, in der zweiten Reihe wird es segmenttypisch etwas beengter. Beim Kofferraum zeigt sich der ID. Polo dagegen großzügig: Mit 441 Litern stehen 90 Liter mehr zur Verfügung als beim konventionellen Polo, durch Umlegen der Rückbank lässt sich das Ladevolumen auf bis zu 1.240 Liter erweitern.

Die Bedienung wurde im Vergleich zu früheren ID-Modellen vereinfacht, wobei das Zweispeichen-Lenkrad geschmacklich sicher nicht jeden überzeugt. Die Tasten bieten klare Druckpunkte und eine übersichtliche Anordnung. Etwas größer dürften die Instrumente ausfallen: Die Bildschirmdiagonale von zehn Zoll wirkt vergleichsweise klein, auch wenn die Darstellung im Retrodesign, angelehnt an den VW Golf I, ein sympathisches Detail ist. Der zentrale Touchscreen misst hingegen großzügige 13 Zoll und wirkt im Alltag entsprechend übersichtlich. Auf der Ausstattungsliste stehen zudem ein Panoramadach, ein Soundsystem sowie elektrisch verstellbare Sitze, wobei sich die Sitzheizung ausschließlich auf die Vordersitze beschränkt. Zahlreiche Ablagen und mehrere USB-Anschlüsse runden das Platzangebot im Innenraum ab.
Materialqualität: Deutlich reifer als frühere ID-Modelle
Positiv fällt im Testeindruck die Verarbeitung auf: Angenehme Oberflächen und textile Elemente sorgen für ein Wohlfühlambiente, das bei bisherigen ID-Modellen aus dem Volkswagen-Konzern nicht durchgehend selbstverständlich war und im direkten Vergleich zu früheren Modellgenerationen positiv auffällt.

In Kombination mit dem soliden Platzangebot entsteht insgesamt der Eindruck eines ausgereiften Kleinwagens, der sich technisch und optisch bewusst von reinen Einstiegsmodellen absetzt. Kleinere Kritikpunkte, etwa das gewöhnungsbedürftige Zweispeichen-Lenkrad oder die vergleichsweise kompakte Instrumentenanzeige, relativieren sich angesichts des insgesamt hochwertigen Gesamteindrucks.
Konnektivität und Komfort: Kleine Lücken im sonst stimmigen Bild
Bei den Komfortdetails zeigt sich der ID. Polo größtenteils zeitgemäß ausgestattet, wenn auch nicht durchgehend konsequent. Dass sich die optionalen elektrischen Sitze ausschließlich vorne beheizen lassen, dürfte gerade bei Familien mit Kindern auf den Rücksitzen für Diskussionen sorgen. Positiv fällt dagegen die Vielzahl an Ablagemöglichkeiten und USB-Anschlüssen auf, die den Innenraum im Alltag praktikabler machen, als es die reine Ausstattungsliste zunächst vermuten lässt. In der Summe wirkt der ID. Polo damit an den meisten Stellen durchdacht, mit einzelnen Kompromissen, die sich Kundinnen und Kunden mit Rücksitzpassagieren bewusst machen sollten.
Preis des VW ID. Polo
Die getestete Version mit 52-kWh-Batterie, 155 kW/211 PS und Ausstattung Life startet bei 33.795 Euro. Die Einstiegsvariante Trend mit kleinerer 37-kWh-Batterie ist bereits ab 24.995 Euro erhältlich, bringt jedoch spürbare Einschränkungen bei Reichweite und Ladetempo mit sich. Wer regelmäßig längere Strecken zurücklegt, kommt in der Praxis kaum an der teureren 52-kWh-Version vorbei. Selbst unter Berücksichtigung aktuell verfügbarer Kaufprämien bewegt sich der ID. Polo damit im oberen Preisbereich seiner Fahrzeugklasse. Den Auftragseingängen nach zu urteilen, mit spürbaren Wartezeiten, scheint diese Preispositionierung potenzielle Kundinnen und Kunden bislang jedoch kaum abzuschrecken. Das deutet darauf hin, dass Fahrverhalten, Verarbeitung und Markenimage für einen relevanten Teil der Zielgruppe schwerer wiegen als der reine Anschaffungspreis im Vergleich zu günstigeren Alternativen im Kleinwagensegment.
Technische Daten: VW ID. Polo (52 kWh)
- Motor: Elektro, vorn
- Leistung: 155 kW / 211 PS
- Max. Drehmoment: 290 Nm
- Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h
- Beschleunigung 0–100 km/h: 7,1 s
- Normverbrauch: 13,3 kWh/100 km
- Batteriegröße: 52 kWh
- Ladegeschwindigkeit: bis 105 kW
- Reichweite (WLTP): 454 km
- Leergewicht: 1.576 kg
- Zuladung: 450 kg
- Ladevolumen: 441–1.240 Liter
- Preis: ab 33.795 Euro (52-kWh-Version, Ausstattung Life)














